26 - Wachkoma davor/danach

Ein Beispiel welches für viele Andere steht….  

Kindern bis zum Jugendalter etwa 20 Jahren wird in Deutschland und in der Welt sehr viel geholfen. Gleich in welcher Notlage sie sich befinden. Ein Aufruf und eine Welle der Hilfsbereitschaft tut sich auf. Große Not in fremden Ländern bewirkt oftmals auch das Gleiche. Das muss so sein und soll auch so bleiben. Doch darüber dann die eigenen Bürger, die Erwachsenen Bürger im eigenen Land zu vergessen, das ist unmenschlich und eines sich sozial nennenden Staates unwürdig und verstößt nicht nur gegen die Grundgesetze unseres Staates.  Daher in Kurzform ein Schicksal das für viele Schicksale steht. 

Ein Familienvater fällt ohne Vorwarnung oder krank zu sein mit 50 Jahren ins Wachkoma. Herz-Kreislaufversagen. Reanimation, Intensivstation und dann nach drei Tagen die furchtbare Diagnose apallisches Syndrom mit hypoxischem Hirnschaden nach erfolgter Reanimation, kurz Wachkoma genannt. Die Angehörigen stehen unfassbar, hilflos und ohnmächtig dieser Situation gegenüber. Niemand hilft. Niemand erklärt was das heißt, Wachkoma ? Was bedeutet es für den Betroffenen, seine Angehörigen. In unserem Fall seiner Familie, Frau und vier Kinder im Alter 12/14/16/ 22 Jahre. Alle zuhause lebend und ohne Einkommen. Die Ehefrau nur Hausfrau, ebenfalls ohne Einkommen. Ein kleines Einfamilienhaus, noch belastet. Der Betroffene seit 20 Jahren Selbstständig mit mittelprächtigem Einkommen. Soll heißen, Rücklagen zu schaffen war kaum oder nur geringsfügig möglich. Der Staat mit seinen Zwangsabgaben an Behörden und Institutionen wie Berufsgenossenschaft, Krankenkasse, Rentenversicherung usw. hat dafür Sorge getragen das für die persönliche Absicherung wenig übrig blieb. Das Leben ist teuer genug. Natürlich hilft der Staat. Das Sozialamt springt ein. Doch nicht kostenlos. Hier gibt es ja ein Haus. Vermögen also. Das muss weg, also zuerst verkaufen. Wo bleibt die Familie ? Wo der Betroffene ? Egal, der Betroffene kommt in eine Einrichtung. In eine Kostengünstige der Alten- und Seniorenpflege. Kosten im Monat mindestens 3.500 €. Davon muss das das Sozialamt mindestens 2.000 € übernehmen. Zudem muss die Familie in einer Wohnung untergebracht werden. Kosten an Miete etwa zwischen 600-800 €/ Monat inkl. NK. Dann muss auch noch Unterhalt zum Leben an die Familie gezahlt werden. Ehefrau plus 3 Kinder, eines könnte arbeiten gehen statt weiter zu studieren, etwa noch einmal 700-800 € / Monat. Macht zusammen im Monat durch den Steuerzahler zu zahlen etwa 3.500-4.000 €/ Monat. Liegt der Betroffene in einer Einrichtuing für Wachkoma-Betroffene so beträgt hier der monatlich zu zahlende Betrag etwa ab 5.500 € aufwärts. Das ergäbe dann einen Gesamtbetrag von über 6.000 €/Monat der durch den Steuerzahler über das Sozialamt zu zahlen wäre. Hätte man den Betroffenen zuhause pflegen lassen, was ohne Probleme möglich wäre, so sähe die Rechnung völlig anders aus. Durch Zahlungen aus der Pflegestufe, des häuslichen Pflegegeld und einer Sonderzahlung nach dem Gesetz für Gehörlosen und Blinde, hätte die Familie ausreichend finanzielle Mittel zur Verfügung um mit hoher Wahrscheinlichkeit keine zusätzlichen Mittel des Sozialamtes in Anspruch nehmen zu müssen. Das heißt, der Steuerzahler in der Solidargemeinschaft, würde nicht über das Sozialamt zur Kasse gebeten. Der Staat würde Monat für Monat etwa 5.000-7.000 € sparen können. Unglaublich, glauben Sie nicht ? Zugegeben, wir mussten den Fall stark verkürzt wiedergeben. So einfach wie es klingt ist es dann doch nicht. Doch wir haben mit der Familie gekämpft. Sie hat das Haus zurück. Pflegt den Vater und Ehemann zuhause. Erhält die Mittel wie vor beschrieben und kann aus eigenen finanziellen Verhältnissen ihre Verpflichtungen erfüllen. Es hat sich gelohnt der Bürokratie zu trotzen. Es hat sich gelohnt zu kämpfen. Auch wenn es fast 2 Jahre dauerte bis sich dieser Erfolg einstellte, der Betroffene und seine Familie leben heute wieder eine lebenswertes Leben. Ein Leben in Würde, mit Qualität. Das ist ein verbrieftes Recht in unserem Grundgesetz für alles Menschen. Doch es wird ständig mißachtet. 

Anno 2001
33 Jahre, männlich, mitten im Leben stehend, dynamisch, flexibel, belastbar, positiv denkend und handelnd, cooler Typ, handwerklich sehr gut, creativ, erfolgreich, anerkannt, beliebt, geachtet, verliebt und geliebt, Tagesabläufe normal, schlafen, aufstehen, essen, trinken, arbeiten, Erholung.
Gesund und medizinisch ohne „Mängel“
Ein Mensch wie viele Andere auch – Leben, was willst du mehr

Doch das Schicksal meint es anders. Von einer Sekunde zur Anderen schlägt es unvorbereitet, plötzlich und unbarmherzig zu. Herz-Kreislaufstillstand mit Ausfall aller organischen Funktionen.
Ich bin gestorben, werde reanimiert und bin seitdem ein Wachkoma-Betroffener.
Wachkoma, nie gehört. Was ist das ?

Ich liege in einem Bett. Ich rufe, schreie, alle bleiben stumm und still. Niemand spricht mit mir. Warum antwortet ihr nicht ? Ich kann euch doch hören und spüren.
Ich möchte und will mich bemerkbar machen. Es gelingt mir nicht.
Es scheint als gäbe es mich nicht mehr

Ab heute verändert sich nicht nur mein Leben, sondern auch das meiner Angehörigen.
Dimensionen verschieben sich. Was früher wichtig ist jetzt nicht mehr wichtig oder weniger wichtig. Heute morgen haben wir noch gemeinsam gefrühstückt, Pläne für den Abend geschmiedet. Haben wie immer gelacht und gescherzt. Haben uns wie immer mit den Worten verabschiedet „ mach`s gut bis nachher “, ohne zu wissen wie das nachher aussieht und was es bringen wird.
Es gibt kein gemeinsames Nachher mehr (?)

Mein Leben, meine Zukunft, das meiner Angehörigen, ausgelöscht und zerstört in Sekunden.
Wir hatten noch Pläne, Ideen, viel vor in unserem Leben – vorbei

Was geschieht jetzt ?

VF wib/2007