Wachkoma
In der zurück liegenden Zeit (seit 2001) nach dem bis heute unfassbaren Schicksal, traf ich viele Gleichbetroffene, führte mit Ihnen ausführliche und lehrreiche Gespräche. Daraus ergab sich die Erkenntnis, das nach dem schweren Schock über die plötzliche Veränderung die ein Wachkoma-Schicksal in das Leben des Betroffenen und seiner Familie bringt, eine bittere Erfahrung zusätzlich gemacht wird. Gegenwärtig ist man mit diesem Problem immer noch völlig allein gelassen. Bundesweit agierende Verbände sind aus unserer Erfahrung nur bedingt in der Lage oder Willens direkte Hilfe vor Ort anzubieten. Häufig ist erst die Mitgliedschaft Voraussetzung zur Hilfe. Zudem bieten sie wenig Transparenz und besitzen keine oder nur geringe Strukturen. Von funktionierender flächendeckender Hilfe kann überhaupt keine Rede sein.
In den Gesprächen mit Angehörigen der Betroffenen musste und konnte ich die Ängste und Nöte der mit dem Wachkoma konfrontierten Personen kennen lernen. Ich musste erfahren mit welchen Sorgen und Problemen, von gesunden und Außenstehenden nicht zu verstehender Probleme diese Menschen sich täglich auseinander setzen müssen. Als selber betroffener Angehöriger war und bin ich in der Lage all dieses nachzuvollziehen und zu verstehen.
Der Staat mit seinen Strukturen, dem existierenden Sozial- und Gesundheitssystem, ist nicht in der Lage und auch nicht Willens Hilfe für Kranke, Alte und Behinderte in menschenwürdiger Weise anzubieten. Ein auf Minutenhilfe abgestimmtes System kann nicht in der Lage sein, schwerstpflegebedürftigen Personen die ihnen angemessene und durch das Grundgesetz verankerte Pflege und Betreuung zukommen zu lassen.
Wachkoma-Betroffene benötigen viel Pflege, gute Betreuung, sehr viel Fürsorge, Liebe und Zuwendung. Alles Dinge die unser bestehendes System nicht erfüllen kann. Somit bleibt der Hilflose automatisch auf „der Strecke“. Diese Anforderungen können nur in der häuslichen Pflege erfüllt werden. Doch auch diese wird weder unterstützt noch gefördert.
Durch die angespannte Finanzsituation, vor allem im
Gesundheitswesen und der Pflegversicherung, müssen viele Betroffene
weiterhin fürchten, ohne Rehabilitation, fachärztliche
Untersuchungen, therapeutische und pflegerische Unterstützung und
Maßnahmen, abgeschoben zu werden. Abgeschoben aus Kostengründen in
für sie völlig falsche Einrichtungen. Ich musste durch das Wachkoma
betroffene Kinder in einem Altersheim erleben ebenso wie betroffene
Erwachsene unter Demenzkranken. Abgeschoben, abgelegt und vergessen
nach der Devise, die merken, hören, fühlen und spüren ja doch
nichts mehr.
Ein riesengroßer Irrtum wie man inzwischen weiß und belegen kann
!
So wichtig die Versorgung, Pflege und Rehabilitation für den
Betroffenen selber, genauso wichtig und intensiv muss die
Information, Beratung und Betreuung der Angehörigen sein.
Der Staat mit seinen Institutionen kann und will es nicht – wir
aber können und wollen es
Wir sind selber betroffene Angehörige und haben uns die Aufgabe gestellt anderen Angehörigen zu helfen
VF wib/2007
