Worte eines betroffenen Angehörigen
Auszug aus Broschüre Wachkoma, kann jeden treffen / 2007
In der zurück liegenden Zeit seit 2001 (Schicksalsjahr), nach
dem bis heute unfassbaren Ereignis, traf ich viele
Gleichbetroffene. Führte mit Ihnen ausführliche und für mich
informative und lehrreiche Gespräche. Daraus ergab sich die
Erkenntnis, das nach dem schweren Schock über die plötzliche
Veränderungen, welche ein Wachkoma Schicksal in das Leben des
Betroffenen und seiner Angehörigen bringt, nichts mehr so ist wie
es soeben noch war, eine bittere Erfahrung zudem gemacht wird. Man
ist mit diesem Ereignis allein. Mit all den Problemen und Fragen.
Keiner will oder kann helfen. Zu komplex und individuell ist
Wachkoma. Bundesweit agierende Verbände sind, aus eigener und
anderer Angehöriger Erfahrungen, nur bedingt in der Lage oder
Willens, direkte Hilfe und Unterstützung vor Ort anzubieten. In der
Regel ist eine Mitgliedschaft erste Voraussetzung zur
Unterstützung. Zudem bieten die Verbände wenig Transparenz und
besitzen keine oder nur geringe Strukturen. Von funktionierender
und flächendeckender Hilfe kann absolut keine Rede sein. Die
Unterschiede in den einzelnen Bundesländern sind äußerst groß und
absolut unverständlich.
In den Gesprächen mit Angehörigen musste und konnte ich die
berechtigten Ängste und Nöte der betroffenen Angehörigen kennen
lernen. Ich musste erfahren mit welchen, oftmals unnötigen jedoch
vom Staat geforderten, Sorgen und Problemen diese Personen sich
täglich auseinander setzen müssen. Als selber betroffener
Angehöriger bin ich in der Lage, all dies zu verstehen und auch
nach zu empfinden. Ich erlebe und durchlebe es ja seit 2001 selber
täglich mit meiner Familie.
Unser Staat mit seinen Strukturen, dem real existierenden Sozial-
und Gesundheits-wesen, ist nicht in der Lage Hilfe und
Unterstützung für alte, kranke, behinderte und sozial schwache
Bürger in menschenwürdiger Weise zu bieten. Ein auf Minutenhilfe
getrimmtes Pflegesystem kann nicht in der Lage sein, pflege- bzw.
schwerstpflegebedürftigen Menschen die ihnen angemessene und
mittels Grund-gesetz garantierte Pflege und Betreuung zukommen zu
lassen.
Wachkoma-Betroffene benötigen viel Pflege, aufwändige Betreuung,
sehr viel Fürsorge, Liebe und Zuwendung und eine Bezugsperson.
Alles Dinge die in einem Zeitgeregelten System nicht funktionieren
können. Der Aufwand wäre ; kaufmännisch unklug und wirtschaftlich
nicht effektiv (amtsdeutsch). Somit bleibt der Hilflose automatisch
auf der „Strecke“. Diese Anforderungen kann nur die häusliche
Pflege und Betreuung erfüllen. Doch diese wird weder entsprechend
unterstützt noch gefördert. Es wird nur geredet, anstatt zu
handeln.
Eine angespannte Finanzsituation im Gesundheitswesen, hervorgerufen
durch Missmanagement in den Institutionen und nicht von den
Versicherten, wie man uns immer wieder Glauben machen will, lässt
menschenwürdige Hilfe, Pflege und Unterstützung zur Farce werden.
Vor allem im Gesundheitswesen und der Pflegeversicherung müssen
betroffene Menschen daher fürchten bzw. es erleben, ohne
Rehabilitation, fachärztlicher Untersuchung, therapeutischer und
pflegerischer Hilfe und Unterstützung und Maßnahmen, einfach
abgeschoben zu werden.
Abgeschoben aus Kostengründen. Vergessen weil medizinisch nicht
mehr heilbar, unterernährt weil Zeit zum „essen geben“ fehlt und
noch einige Dinge mehr. Ich musste erleben, dass durch
Wachkoma-Betroffene Kinder und Jugendliche in Altenheimen
untergebracht waren. Abgeschoben in für sie völlig falsche
Einrichtungen. Aus Kostengründen in Einrichtungen unter Alten und
Demenzkranken. Abgelegt und vergessen, nach der Devise, die merken
ja doch nichts mehr. Sie können ja doch nicht hören, fühlen, sehen,
schmecken, riechen und empfinden. Ein riesengroßer Irrtum, das ist
der Medizin und unseren Verantwortlichen sehr wohl bekannt.
So wichtig eine Versorgung, Pflege und Rehabilitation für den
Betroffenen, ebenso wichtig und intensiv sollten Information,
Beratung und Begleitung der Angehörigen sein. Es sollte eine
Selbstverständlichkeit sein.
Der Staat mit seinen Institutionen kann und will sich dieser
Verantwortung nicht stellen. Deshalb versuchen wir es. Wir als
Selbstbetroffene. Als Angehörige.
Als betroffene Angehörige übernehmen wir die Aufgaben und stellen
uns der Herausforderung und Verantwortung. Es würde wesentlich
besser und effektiver funktionieren, ließe uns der Staat dabei in
Ruhe. Am Wirkungsvollsten wäre es, er würde uns dabei unterstützen.
Würde unser Wissen, unsere Erfahrungen annehmen.
**Die Erklärungen in unserer Broschüre zum Wachkoma erheben nicht den Anspruch diesen Zustand mit medizinischen Begriffen, Erklärungen und Informationen abzuhandeln. Es sollen vielmehr eigene Erfahrungen, Erlebnisse und Erkenntnisse betroffener Angehöriger weiter vermittelt werden. Die Broschüre erhebt auch nicht den Anspruch auf Vollständigkeit
